Dienstag, 7. Juni 2016

Unsere Mitmenschen

Dieser Beitrag wird etwas von den bisherigen abweichen. Heute geht es nicht vorrangig um eine bestimmte Erkenntnis, bzw. um eine weitere Begriffserklärung für unser Modell. Stattdessen werde ich heute mal etwas klagen und jammern. Ich möchte euch bestimmte Stereotypen vorstellen. Die Situationen, welche sich mit diesen Mitmenschen ergeben, kennt ihr sicherlich zu genüge. Mir geht es allerdings nicht darum, dass wir uns alle wissentlich zunicken, den anderen eine Schuld zuweisen und uns dann mit der Tüte Chips zurücklehnen. Nein, ich möchte darauf eingehen wieso die vielen Ratschläge nicht ziehen und wie wir uns dagegen wappnen können.

Die nachfolgenden Beschreibungen werden teilweise überspitzt beschrieben, in der Realität ist es natürlich nicht konstant dieses schwarz und weiß. Die Übertreibung dient hier lediglich der besseren Veranschaulichung. Ein Fazit ziehe ich dann nach der Vorstellung der Stereotypen.

A) Familienmitglieder

Ich habe das selber nicht am eigenen Leib erfahren, aber konnte diese Situationen oftmals beobachten. Ein Kind der Familie ist dick, der Rest der Familie meint es natürlich immer nur gut mit dem dicken Kind. Was passiert? Das "Dicksein" ist ständig im Mittelpunkt. Es ist eine Krankheit, die es auszumerzen gilt. Dass ein Kind dabei "eine Macke" bekommt, kann ich gut nachvollziehen. Das ist übrigens kein exklusives Problem für uns Dicke. Opfer einer Magersucht durchleiden vermutlich die gleichen nutzlosen Ratschläge "Iss doch was, Kind."
Je mehr dieser stetige Druck auf einen wirkt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich dagegen sträubt/auflehnt. Man will da einfach nichts mehr von hören. Wie soll man sich auch dabei fühlen, wenn alle Welt (bzw. hier: die einem nahe stehenden, geliebten Familienmitglieder) einem dieses Thema ständig vorbetet? Es wird zum Dogma. Der "Schrecken" wurde so oft benannt, dass er realer denn je ist. 
Derart in die Ecke gedrängt, ist der Griff zu etwas Essbaren oft die nahe liegende Taktik, um das im Keller liegende Glückskonto zügig aufzubessern.

B) Unverständnis der Verführer

Das ist jetzt ein Punkt der mich oft betrifft. Als extrovertierter Mensch teile ich meine Absichten und Lebensumstände meinem Umfeld recht ausführlich mit. Meine spärlichen Fortschritte werden durch die Rückschläge ausgeglichen. Meine Freunde und Bekannten sehen daher kaum einen Unterschied, in welcher Phase ich mich gerade befinde. Für die bin ich mehr oder weniger gleichbleibend dick und "auf Diät" ist Edgar doch sowieso andauernd. Welchen Schluss müssen meine Freunde ziehen? "Die Diät kann ja so wirksam nicht sein. Schließlich sieht der doch eh immer gleich aus."
Nervig wird dieser Umstand, wenn ich mich mitten in der Fortschritt-Phase befinde und eine Party etc. anliegt. Ich sage dann meist ab, weil für mich auch die kleinste Ablenkung einem Rückfall gleichkommt. Das verstehen meine Freunde allerdings nie. Für die ist es ein Schlag ins Gesicht. Ich sage eine Party ab, obwohl die mich gerne dabei hätten, für eine Unternehmung (meine Diät), die ohnehin nie erfolgreich sein wird.
Versteht mich nicht falsch, ich habe durchaus meine eigen verschuldeten Rückfälle vorzuweisen. Aber diese Situationen sind jedesmal eine zusätzliche (unnötige) Hürde. Geh ich zur Party, dann hab ich mich aus meiner strikten ganz-oder-gar-nicht-Phase gerissen (kommt mir nicht mit: "Dann trink doch nix."), sage ich hingegen ab, dann bin ich der Spielverderber.

C) Unverständnis der Sportiven

Die Sportiven. Da gibt es zwei Versionen: Die immer-schon-fit-gewesenen und die fit-gewordenen. Ähnlich wie bei Ex-Rauchern und Ex-Fleischfressern können einen die Neu-Fitten ganz schön penetrant auf die Nüsse gehen. "Ja, ist ja gut. Du hast es geschafft. Ja, dein Weg hat funktioniert. Das macht ihn aber nicht zur Religion, die du mir predigen musst." Ich hoffe inständig, dass ich niemals so werde. Auch wenn ich mal einen Körperfettanteil von 10% hätte, will ich nicht aller Welt die universelle Formel dafür diktieren.
Was uns von beiden Versionen der Sportiven unterscheidet? Die haben scheinbar nicht unsere Probleme mit dem Essen. Das macht sie nicht besser, schlauer oder zu stärkeren Menschen, sondern schlicht zu anderen Menschen. Oft sind die Ratschläge aus dieser Ecke auch wirklich nett gemeint, aber wären wir so gestrickt, dass "einfach die Cola weglassen" und "Rad anstatt Auto" uns ein Leben mit der Traumfigur bereiten würde, dann hätten wir dieses Leben bereits. Es sind nicht die Weisheiten, Ratschläge bzw. die Fakten die sich dahinter verbergen, die uns nichts bringen, sondern das Unverständnis unserer Unfähigkeit, solche Ratschläge auch konsequent zu befolgen. Das können wir eben nicht (Stichwort: Glückskurven).

D) Hater

Hater (englisch, sinngemäß "die Hasser") sind Mitmenschen mit der Empathie eines M22-Maulschlüssels. Die teilen sich das Unverständnis für unser Unvermögen mit den anderen Mitmenschen, sehen darin allerdings eine regelrechte Aufforderung uns anzugreifen. Zeigt man sich im Internet, dann scheint diese Aufforderung nochmals stärker zu sein. Als Dicker bittet man quasi darum, und die Kackwürste benötigen im anonymen Netz nicht mal die Courage, Beleidigungen und Unterstellungen persönlich vorzubringen.

Umgang mit den Typen

Abschließend meine persönlichen Ratschläge (oh nein, RATSCHLÄGE!) zu den vier vorgestellten Typen.

A) An die Familien: Lasst eure Dicken in Ruhe. Das Thematisieren bringt nichts. Kocht bzw. kauft ihr noch ein für eure Lieben, dann kauft und kocht gerne gesund, aber erwähnt dann am Mittagstisch nicht, wieso ihr das so gemacht habt, und das man nun der Fettsucht beikommen wird. Stattdessen könnt ihr einfach auf das Glück eures Problemkindes achten. Hängt dieses nur vor der Playstation? Dann zockt eine Runde mit, anstatt zu predigen, dass Bewegung draußen viel besser wäre.
Die Entscheidung für sämtliche Maßnahmen muss von innen kommen. Motivation muss man selber generieren können. Wir müssen unsere eigenen Glücks-Manager werden. 

B) Versucht es ruhig mit einem Gespräch. Rechtfertigt euch nicht aber versucht euch zu erklären. Vielleicht hilft dieser Blog ja dabei. Helfen alle Erklärungen nichts und ihr dreht euch im Kreis, dann lasst euch nicht auf Diskussionen ein, wenn ihr etwas absagt. Es ist eure Entscheidung. Schöner wäre es, wenn euch die Freunde entsprechend unterstützen und verstehen, aber wenn man das nicht erreichen kann, dann bloß nicht in einen Kreislauf aus Rechtfertigungen geraten. Von außen betrachtet sind wir in dieser Sache einfach nicht glaubwürdig. Also ersparen wir das beiden Parteien.
Auch hier gilt, die bewusste Entscheidung zum Sündigen, sollte von uns kommen. Nur dann können wir den Genuss auch voll auskosten, wenn wir schon den Preis dafür zahlen müssen.

C) Wieder gilt: Abstand bewahren. Geht nicht auf eine Diskussion ein. Rechtfertigt euch nicht. Wir müssen lernen uns vor uns selbst zu rechtfertigen, nicht aber vor Mitmenschen mit gut gemeinten Ratschlägen. Ein kurzes "Aha, so ist das mit Kohlenhydraten. Werde ich mal versuchen." und meist hat man die Unterhaltung überstanden. Der Gegenüber hat seine "gute Tat" getan und uns auf den rechten Weg gebracht, und wir können mit Abstand und ohne, dass wir in einer Verteidigungshaltung stecken, überlegen, ob nicht vielleicht ein hilfreicher Tipp in dem Gewäsch dabei war.
Wir müssen selber entscheiden, was wir glauben wollen, bzw. welche Systeme und Tipps uns am besten schmecken. Die gewählte Sportart muss uns Spaß bereiten, nicht am effektivsten Fett verbrennen.

D) Ignorieren. Ernsthaft! Ganz einfach ignorieren. "Don't feed the Troll!" Ihr verschwendet nur Zeit und Lebensfreude, bei dem Versuch da irgendwas zu erwidern. Wer sich über euch stellt und mit dem Finger auf euch zeigt, der wird euren nächsten Post nicht lesen und sagen: "Ach so ist das. Na, da entschuldige ich mich doch lieber." Hater suchen nur neue Angriffsfläche, egal wie absurd die Anschuldigungen werden, Hater finden auch immer Angriffsfläche.
Natürlich können einen solche Beleidigungen trotzdem treffen, eben drum so schnell es geht weiterblicken. Was ihr vielleicht machen könnt: Verwandelt euren Zorn in Motivation, nutzt die Beleidigung vor dem nächsten Sport als "Euch werd ich es zeigen!"
Schreibt sowas allerdings NIE nieder. Damit gebt ihr nur... richtig! neue Angriffsfläche.

Fazit

Wir müssen mit unseren Problemen selber klar kommen. Nur in uns entstandene Motivation kann uns langfristig weiter bringen. Wir müssen selber verantwortlich sein/werden. Das klingt erstmal anstrengend, bedeutet allerdings auch mehr Freiheit.

Welche Stereotypen fallen euch noch ein?
Habt ihr weitere Tipps zum Umgang?
Was nervt euch am meisten?

Kommentare:

  1. Ich finde diesen Blogpost sehr gelungen (ist das wichtig? wollte einfach ein Lob aussprechen). Bin 100% bei dir und deiner Argumentation (wobei z.B. die Ratschläge für Punkt A für mich persönlich zu oberflächlich sind, wenn ich auch die Kernaussage verstanden habe, glaube ich zumindest; nicht verurteilen, kein Dauerfeuer, ausser auf der Spielekonsole :-)).

    Bzgl. der Ratschläge fühle ich mich durchaus angesprochen. Ich erteile oft Ratschläge, frage mich dann aber im Nachhinein, was diese wert sind, wenn ich mich selbst eher weniger danach zu richten scheine (vor allem was das Abnehmen betrifft, alles andere führe ich natürlich zu 100% durch ;-).

    Ich denke, du hast die wichtigsten Stereotypen erwähnt.

    O nein, jetzt kommen von mir auch noch Ratschläge ... :-)

    zu D: DON'T feed it. Period.

    zu C: Denke, hier hilft es ungemein, wenn man für sich selbst ein einigermassen tragfähiges Konzept und entsprechende Richtlinien festgelegt hat. Beinhaltet natürlich einiges an eigenen Versuchen und auch Fehlschlägen. Und Erfolgen natürlich. Wenn man alles ignoriert, ist man dumm. Wenn man alles befolgt, ebenso. Eigenes Fachwissen aneignen und Experimente punktuell und mit Bedacht einsetzen. Ansonsten Basics schrubben. Könnte funktionieren. Denke ich.

    zu B: Da sich der Freundes-/Bekannten-/Kollegenkreis nicht wesentlich umfassend ändern wird - Fell wachsen lassen, sein Ding durchziehen, ggf. noch dezent aufklären. Das wars :-).

    zu A: Ja, das ist wohl mein Lieblingsthema. Sowohl als Betroffener und weil ich auch ein dickes Kind habe. Er ist nun 14 Jahre - es fällt mir sehr schwer, überhaupt etwas vorwärts zu bringen. Kann ich aber auch nachvollziehen, weil ich in dem Alter mindestens GENAUSO war von der Art. Genauso. Bloß mit Nerven, Vorbeten etc. gewinnt man hier sicherlich keinen Blumentopf. Gewisse Themen müssen natürlich explizit angesprochen werden (Erziehungssache und so). Aber ansonsten hilft es, Inhalte zu schaffen. Reize. Angenehme Erfahrungen. Lob (wenn angebracht, nicht zuviel). Gemeinsame Unternehmungen. usw.

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    1. Danke für das Lob. Sehr gute Ergänzungen von dir, bin da in allen Punkten bei dir.

      Ich kenne den roten Faden dieses Blogs ja schon, und kann ja mal etwas vorweg greifen. Wir (als Dicke) scheitern oft auch mit dem tollsten Fachwissen. (Also, wenn man seine eigene Auswahl aus allen Tipps & Systemen bereits sinnvoll getroffen hat.)

      Ich habe für mich daher festgestellt, dass wir rational nicht zum Erfolg kommen. Die Techniken, die wir noch vorstellen werden, gehen daher in die Richtung, wie man sich emotional programmieren kann. Bzw. wie man bei der Auswahl der Systeme nach seinen eigenen emotionalen Regeln (oder nennen wir es Macken) auswählt.

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